Tatiana Kisseleff

Tatiana Kisseleff / Ureurythmistin

Tatiana Kisseleff wurde als erste Eurythmistin zu Ostern 1914 von Rudolf Steiner nach Dornach gerufen, um am Goetheanum die eurythmische Arbeit aufzubauen. Sie war die erste Leiterein der Dornacher Eurythmiebühne und gründete die erste Eurythmieausbildung. Den Zuschauern ist sie als eine ganz besondere Künstlerin in Erinnerung geblieben. Sie hatte bis 1927 die gesamte Verantwortung für alles Eurythmische dort.

Geboren wurde sie in Warschau, das damals dem russischen Reich eingegliedert war. In einem Institut für Töchter russischer Offiziere erhielt Tatiana eine umfangreiche Bildung, auch in französischer und deutscher Sprache und Kultur. Sie schloss mit einem Examen und einem Lehrerdiplom ab.

Mit der aus der Kindheit mitgebrachten Begabung, seelisch Empfundenes in Märchengestalten zu bringen, der gründlichen Ausbildung ihrer intellektuellen Fähigkeiten, ihrem geistigen Feuer und einer erworbenen Ruhe und Gelassenheit konnte sie ihre Schüler schnell zu schönen eurythmischen Bewegungen bringen.

Neben der befähigten Regisseurin Marie Steiner erwuchs in Tatiana Kisseleff eine einmalige Interpretin. Ob sie Spirituelles, Dramatisches oder Humoristisches auf die Bühne brachte, immer erstaunte sie die Zuschauenden. Neben poetischen, musikalischen Darbietungen und köstlichen Humoresken ging man dazu über, Teile aus Goethes „Faust“ in Dornach aufzuführen.

Die erste öffentliche Eurythmieaufführung war unter Tatiana Kisseleffs Leitung 1919 in Zürich erfolgt. Danach ging die junge Eurythmiegruppe zu vielen auswärtigen Gastspielen auf Reisen in Europa.

Außer der Bühnenarbeit, für die sie alle vorbereitenden Proben zu leiten hatte, bildete sie weiter Schüler aus. An Ostern 1924 eröffnete sie auf Anregung Rudolf Steiners die erste Eurythmieschule in Dornach.

Ihr eurythmisches Bemühen zeichnete sich dadurch aus, alles von Rudolf Steiner Erhaltene gewissenhaft aufzunehmen, gründlich und individuell zu verarbeiten, um sich dann selbstlos hingegeben in das Darzustellende einzuleben, es von innen heraus gestalten zu können.

Rudolf Steiner hatte sie als „Künstlerin“ bezeichnet, die der Eurythmie den geistigen, sakralen Hintergrund geben und erhalten könnte und diese somit vor Seelenlosigkeit und Veräußerlichung bewahrte.

Im Jahre 1927, nach Rudolf Steiners Tod musste sie ihre Dornacher Aufgabe verlassen, weil unter ihren ehemaligen Schülerinnen – dann Kolleginnen – Bestrebungen aufkamen, die Eurythmie anders handhaben zu wollen.

Tatiana Kisseleff versuchte daraufhin den russischen Emigranten in Paris Anthroposophie und Eurythmie zu bringen – sie gründete dort die erste Pariser Eurythmieschule.

1938 arbeitete sie wieder in Dronach, nun mit Schauspielern und half Marie Steiner bei den Inszenierungen von Goethes „Faust“ und anderen Dramen. Auch schrieb sie auf Bitten von Marie Steiner ihre Erinnerungen an die Eurythmiearbeit mit Rudolf Steiner nieder.

Im Jahre 1949 wurde sie zu einer sozialwissenschaftlichen Tagung nach Malsch bei Karlsruhe gerufen. Seit dieser Zeit arbeitete sie bis zu ihrem Tod dort mit Kindern, Laien und Eurythmisten. Zu den Jahresfesten veranstaltete sie eine Fülle eurythmischer Aufführungen, bei denen sie stets bemüht war, diese, wie einst in Dornach, auf ein hohes künstlerisches Niveau zu bringen, auch wenn sie immer wieder betonte, dass die Eurythmie noch ganz am Anfang wäre.

Brigitte Schreckenbach gekürzt von Dietmar Ziegler

Werke:

Eurythmie.Erinnerungen aus den Jahren 1912–1927, Malsch 1949; Aus der Eurythmie-Arbeit, Basel 1965

Zur Entstehungsgeschichte der Standardformen und über das Rezitieren zur Eurythmie, in: GA 277a, Dornach 1965

Eurythmie-Arbeit mit Rudolf Steiner, Basel 1982; mit anderen: Marie Steiner-von Sivers im Zeugnis, Basel 1984; Übersetzung ins Englische erschienen; Beiträge in Bef, BfA, G, MaB, N.

Literatur:

  • Groddeck, W.: Aus dem Wirken von Tatiana Kisseleff, in: MaB 1960, Nr. 24
  • Vengust, N.: Zum 80. Geburtstag von Tatiana Kisseleff, in: BfA 1961, Nr. 4
  • Autobiografisch: Einige Erinnerungen an die ersten Dornacher Faust-Aufführungen 1915–1918, in: BGA 1963, Nr. 10
  • Dubach, A.: Tatiana Kisseleff, in: N 1970, Nr. 36
  • Leinhas, F.: Unsere große Schwester, Schachenmann, C.: Tatiana Kisseleff, in: MaB 1970 Nr. 48
  • Zaiser, G.: Aus den Anfängen der eurythmischen Betätigung, Vengust, N.: Eurythmische Gedenkfeier für Tatiana Kisseleff in Malsch, in: MaB 1971, Nr. 49
  • Groddeck 1980; Bollig, H.: Tatiana Kisseleff, in: MaD 1971, Nr. 95
  • Schubert, I.: Selbsterlebtes im Zusammensein, Basel 1977
  • Köchlin, B.: Tatiana Kisseleff, wie ich sie vom Frühjahr 1967 bis zum Sommer 1970 erlebte, in: RRM 1979, Nr. 3
  • Froböse, E.: Vorbemerkungen, Deventer, E. v.: Erinnerungen, in: BGA 1982, Nr. 75/76
  • Lindenberg, Chronik 1988; Schachenmann, C.: Aus den Anfängen der Eurythmie, Tatiana Kisseleff – Leiterin der ersten Eurythmie-Bühne, in: Bü 1989, Nr. 1
  • Christensen, T.: Russlands lengsel efter spiritualitet, in: L 1990, Nr. 2/3.

Tatianan Kisseleff Ein Leben für die Eurythmie.
Autobiographisches ergänzt von Brigitte Schreckenbach.
Verlag Ch. Möllmann.