Eurythmiestudium als Abbild


  der Menschheitsentwicklung


Dietmar Ziegler
Der lange Weg des Dionysos und die Eurythmie
2017


IOH!
Feueratmender Sterne Chorführer,
nächtlicher Gesangestöne Gebieter
Sohn,
von Zeus entsprossen:
Erscheine!


(aus Antigone von Sophokles)


Einleitung


Historisch sollte die Eurythmie nach einem Vortrag Rudolf Steiners 1908 über den Prolog des Johannesevangeliums in die Welt treten: Am Anfang war das Wort. Die Anregungen wurden damals nicht aufgenommen. Die Berufssuche einer spirituellen Schülerin Rudolf Steiners für Ihre Tochter bot drei Jahre später die Möglichkeit, die Eurythmie zu entwickeln. In den ersten Jahren der Eurythmie wurden die Raumbewegungen auf Kreisformen angelegt, deren Mittelpunkt wesensgemäß als Dionysos empfunden wurde. Rudolf Steiner zeichnete in die Mitte das Wort Dion. oder Dionysos. Auch sollte man sich bei den Dreieckstänzen, die im Kreis ausgeführt wurden einen Priester des Dionysos in der Mitte vorstellen, der den Mysterien-Tanz anleitete. Weiter wurde der griechische Ruf EVOE betrachtet und weitere griechische Tempeltänze (u.a. Serpentinentanz). In Zusammenhang dieser Unterweisungen wurde 1912 auch der Name für die neue „Tanzkunst“ gegeben (GA 277a).

Zwölf Jahre später beim Eurythmie Seminar von 1924, dessen Motiv eine Zusammenfassung und Erweiterung der 12 jährigen Ausbildung der Eurythmie darstellte, wird Dionysos (mit Apollo) nur noch an einer Stelle explizit erwähnt – bei einer möglichen Unterscheidung der Vokalqualitäten (GA 279).

War Dionysos ein Tribut von Rudolf Steiner an seine Zeit, ein Tribut an Eduard Schure, an sein Schauspiel ‚Das heilige Drama von Eleusis‘ oder warum wird Dionysos explizit im Lauteurythmiekurs nur einmal noch beiläufig erwähnt?
Um diese Frage zu beantworten ist es notwendig Dionysos näher kennenzulernen.
Dionysos trägt viele Beinamen unter anderen:
  •  Zagreus – der Zerstückelte
  •  Bukeros – der Stiergehörnte
  •  Omestes – Bezeichnung für Raubtiere
  •  Bakchos, Evios – Jubelnder, Rufender (Evoe als Ruf)
  •  Lysios – der Löser (Erlöser)
  •  Iatros – der Arzt
  •  Iakchos – Mysteriennamen des Dionysos

Was steckt hinter diesen Namen als gemeinsames dionysisches Prinzip?

Friedrich W. Schelling (1986/1990) und Rudolf Steiner (GA 129/ GA 211) betrachten Dionysos unter dem Gesichtspunkt des bewusstseinsgeschichtlichen Wandels der Menschheit. Die vereinfachende Darstellung Nietzsches bezüglich des dionysischen und apollinischen Prinzips kann hier nicht berücksichtigt werden.


Dionysos der Ältere

Der erste Dionysos erscheint in der vorgeschichtlichen, mythischen Zeit als Sohn des Zeus und der Persephone. Er repräsentiert nach Steiner eine Epoche in der Menschheitsentwicklung, die mit einem anderen Bewusstsein des Menschen einhergeht als das heutige. Die Menschen erlebten ihren Ich-Mittelpunkt nicht in sich, sondern außerhalb von sich. Damit verbunden waren ein bildhaftes, hellsichtiges Denken und ein stark ausgebildetes Gruppenbewusstsein. Ein Denken in abstrakten Begriffen war noch nicht möglich. Dieses bildhafte Denken wurde im Laufe der Geschichte dasjenige, was ins Unterbewusstsein sank. Das mythische Bild hierfür ist der Gang der Persephone in die Unterwelt (Hades).

Eine weitere Stufe der Bewusstwerdung zeigt sich durch den Mythos von der Zerstückelung des Dionysos durch die mit den Erdkräften verbundenen Titanen, angestiftet durch die individualisierende Göttin Hera. Diese Zerstückelung ist ein Bild für die Vereinzelung, für die festere Bindung des menschlichen Bewusstseins an einzelne physische Leiber. Hera wird als Eifersüchtige dargestellt - Eifersucht entsteht dort, wo Individualitäten sich voneinander abgegrenzt erleben. Wäre es dabei geblieben, dann hätte der Mensch kein soziales Wesen im modernen Sinne werden können, denn jeder wäre für sich abgesondert gewesen, „zerstückelt“ geblieben. Der Mensch hätte seine Motive nur aus seinen eigenen Instinkten und egoistischen Trieben, dem Nahrungstrieb, dem Fortpflanzungstrieb bilden können, aus denen sich dann nur sympathische und antipathische Gefühle entwickelt hätten. Die Zerstückelung ist daher auch ein Bild für den „Sturz“ in die sinnliche Welt.


Der jüngere Dionysos

Nach dem Mythos wird das Herz des zerstückelten Dionysos durch Pallas Athene gerettet und ihrem Bruder Zeus übergeben. Durch die Rettung des Herzen ergibt sich die weitere Entwicklungsmöglichkeit für die Menschheit. Das Herz steht für die Seelenregung des Enthusiasmus. Enthusiasmus ist eine Seelenregung, die aus dem Herzen aufsteigt und den ganzen Menschen ergreift, diesen über den egoistischen Erhaltungstrieb des eigenen Wesens hinausführt. Daher wird aus dem Herzen des Dionysos ein Liebestrank für eine Irdische bereitet. Semele soll Mutter des zweiten Dionysos werden, aber Semele, die Zeus nicht unmittelbar erkennen kann, wird misstrauisch und begehrt Zeus in seiner wahren Gestalt im Astrallichte zu schauen. Da dieses atavistische Hellsehen nicht mehr ohne Gefahr möglich ist, verbrennt sie im Blitzstrahl des Zeus. Dieser nimmt sich des Dionysos an und er wird ein zweites Mal aus einer Gliedmaße des Zeus, dem Oberschenkel geboren. Quellennymphen der sagenhaften Bergwälder Nysas wurden die Ammen dieses zweiten, wiedergeborenen Dionysos. Er wächst in der Natur auf, der weise Silen wird sein Lehrer.

Dionysos ist ein bewegter Gott, der oft tanzend dargestellt wird. Euripides schildert, wie ihm die Frauen aus Athen im Winter begeisternd und schwärmend in die Wälder folgen, dort im Fackelschein im Reigen tanzend und ihre Befreiung aus dem bürgerlich geregelten Leben feiern. Dionysos wird als der fremde Gott wahrgenommen, der die bisherige Ordnung stört. Seine rasenden Anhängerinnen werden als Mänaden bezeichnet, seine Gegner schlägt er mit Wahnsinn und ihr Todesschicksal ist mit dem Zerreißen besiegelt.

Die irdische Mutter Semele gibt dem Halbgott Dionysos die Grundlage, dass er auch wissenschaftlich lehren kann, die Wissenschaft des Ackerbaus und des Weinbaus lehren kann. Er wird in diesem Zusammenhang auch mit dem Beinamen Bakchus (lat. Bacchus) belegt. Die Wissenschaft und den Weinkultus verbreitet Dionysos durch seinen Zug nach Indien und wieder zurück. Für Urieli (1986) ist die Weinrebe das Sinnbild der Aufgabe der nachatlantischen Kulturen, die Sonnenwärme der Erde einzuverleiben:

„Der Wein half dem Wärmeorganismus des Menschen, der damals noch in einer recht lockeren Verbindung mit dem Leibe stand, zu einer engeren Verbindung zu kommen.“

Lange Zeit war die Wirkung des Weins eine heilige, Trunkenheit war verpönt. Durch die festere Verbindung bekam der Mensch das Erlebnis der Freiheit, das Denken verlor den unmittelbaren Zusammenhang zum Wesenhaften, wie es das bildhafte Denken noch hatte, es wurde abstrakter. Für Rudolf Steiner ist dies die Grundlegung unserer heutigen, intellektuellen Kultur, der Universitäten, der Industrie. Dionysos wirkte also dahin, unsere irdische Leibesorganisation zum Spiegel unseres ganzen menschlichen Seelenlebens zu machen. Es ist die Voraussetzung für die Freiheit, aber auch um die Vereinzelung der Sinneswelt dadurch überwinden zu können, dass man zunächst durch das Denken wieder Zusammenhängen schafft.

Eine spätere Inkarnation von Dionysos und seinem Lehrer Silen sind nach Rudolf Steiners Forschungen Platon und Sokrates. Sie konnten beide noch an die Mysterien Griechenlands anknüpfen.


Iakchos-Dionysos in den heiligen Mysterien

In den heiligen Mysterienspielen Griechenlands wird Dionysos mit dem Name Iakchos angerufen. Die Teilnehmer dieser Mysterien stellen sich Prüfungen, die ihre seelische Entwick-lung beschleunigen. Dionysos steht in der Mitte, begleitet von einem Chor. Die Mysten werden aufgerufen, an Leiden, Tod und Überwindung innerlich teilzunehmen, um die Krankheit des Egoismus zu überwinden, um wieder im Astrallichte wahrzunehmen. Nach Rudolf Steiner musste der Myste in die Tiefen seines eigenen Innern eintauchen und war der Gefahr ausgesetzt, dass er durch seine Triebe und Begierden, die er dann wesenhaft erlebte, gebannt wird. Daher war eine lange Vorbereitung notwendig. Für Dionysos-Platon war die Eintrittsvoraussetzung in seine Akademie, dass sie die Katharsis an der Mathematik durchlebten. Die Mysterienprüfungen hatten das Ziel, zum wesenhaften Denken sich durchzuringen. Die wesentlichen Inhalte, die höheren Inhalte unterrichtete Dionysos nur im Astrallicht.

Iatros ist ein weiterer Beiname des Dionysos, was soviel bedeutet wie Arzt. Der Arzt der die Egoität überwinden hilft.


Der lange Weg des Dionysos – Abstieg und Aufstieg - Wandlungsfähigkeit

Der lange Weg des Dionysos zeigt den Abstieg vom einheitlichen Bilderbewusstsein hin zur Verstandeskultur und die Möglichkeit des Aufstieges zu einem neuen Hellsehen durch die Katharsis. Zusammengeschaut ergibt sich als das durchgängige dionysische Prinzip das der Wandlungsfähigkeit. Das Glied, welches Wandlung bewirken kann, ist das Ich des Menschen. Insofern steht Dionysos makrokosmisch für das Ich-Prinzip. Es ist das jüngste Glied im Menschen und es verwundert daher nicht, dass Dionysos in alten Darstellungen als Greis dargestellt wird und in späteren als Jüngling. Er ist der sich verjüngende, sich wandelnde Gott, der sich mit der menschlichen Entwicklung verbunden hat.

Drei Namen des Dionysos können für diese Entwicklung des Menschen, diese Wandlung stehen: Dionysos Zagreus, Dionysos Bakchos und Dionysos Iakchos. Der Dionysos der Vergangenheit, der aktuelle Dionysos und der zukünftige, kommende Dionysos, wie Schelling Dionysos im 19. Jahrhundert charakterisierte.


Der lange Weg des Dionysos und der Eurythmiekurs von Rudolf Steiner

Schaut man unter dem entwickelten Gesichtspunkt den Aufbau des Lauteurythmiekurs von 1924, kann sich folgendes ergeben.
  1. Die menschliche Gestalt entsteht aus kosmischen Urbewegungen und der Zusammenhang zwischen dem Alphabet und dem Bild-Kräfte-Leib des Menschen wird aufgezeigt.

  2. Die Ursprache, die in der Atlantis entstanden ist (GA 13), wird erwähnt und an Erlebnissen, die man auch noch heute haben kann erläutert (Worte wie husch, rasch, Leim). Muttersprache und Bildung des ätherischen Leibes. Hebräische Buchstabenformen (Konsonanten) als Nachahmung der Außenwelt.

  3.  Laute und Triebkräfte, die den Menschen herunterführen aus dem vorirdischen Dasein in das irdische Dasein. Erlebte Gebärde geht in geformte Gebärde über.

  4.  Die Ursprache zerfällt. Individualisierung zeigt sich in den Sprachen: Italienisch, Deutsch, Ungarisch, Russisch, Französisch. Pädagogisch wirken, das Subjektive der Empfindung nutzen, Dialektworte nutzen.

  5.  Ich kann dem gesprochenen Satz durch die subjektive Betonung, Stimmung einen ganz besonderen Sinn verleihen („Seelengebärden“).

  6. Gegensatz Denken und Wollen. Erleben von Raumformen (Standardformen). Innen – Außen erleben. Stimmungsgemäß das Eurythmische vertiefen. Bekleidung, Farbe und Vokal führen zu geschmeidigen, stilvollen eurythmische Bewegungen.

  7.  Seelenverfassung des Egoismus gegenüber dem Hingegeben Sein an die Außenwelt üben. Gewahr-Werden des Status nascendi, des Entstehungsmoments. Übergänge wahrnehmen, flüssige Bewegung gestalten. Hineingehen in das Geistige. Vom Ich zum Du zum Er zum Wir zum Ihr zum Sie. Der Wolkendurchleuchter.

  8. Schreiten als Willensimpuls-Gedanke-Tat (der aus Erkenntnis Handelnde). Künstlerische Gestaltung der Sprach-Rhythmen. Die Bildersprache wieder finden.

  9.  Formen aus der Wesenheit des Menschen, wie sie ist, entwickeln. Aus dem Gewordenen eurythmische Gebärden bilden.


Zusammenfassung

Schaut man das in diesem Aufsatz Entwickelte zusammen, geht daraus hervor, dass die Schaffung eines Entwicklungsraums für die Möglichkeit der Selbstüberwindung des Egoismus, zur Selbst Verwandlung durch die dionysische Katharsis im Seelischen ein Anliegen im Aufbau der Eurythmiekurs von 1924 ist. Die Katharsis bewirkt durch das Üben der Raumformen für das Denken und Wollen bis hin zu den Standardformen, des Sich-Verwandeln durch die Farbe (Eurythmiefiguren), durch das Üben der Seelenhaltung des Egoismus versus des Hingegeben Seins, durch das Üben der Übergänge, durch das Üben des rhythmischen Schreitens. Diese Katharsis herbeizuführen darf wohl als eine wesentliche Aufgabe einer Eurythmie Grundausbildung betrachtet werden. Dann können weitere Stufen wie die Fachberufe des Heileurythmisten, des Eurythmie Lehrers oder des Bühneneurythmisten selbstlos ergriffen werden.
Rudolf Steiner hat mit einem großartigen künstlerischen Griff den Lauteurythmiekurs so kompo-niert, dass er ein Abbild der Menschheitsentwicklung ist. Der lange Weg des Dionysos spiegelt sich in diesem Aufbau wieder.


Verwendete Literatur
  1. Baeumer, Max. L. (2006) Dionysos und das Dionysische in der antiken und deutschen Literatur. Darmstadt 2006
  2. DNP - Der neue Pauly (1997) Enzyklopädie der Antike, Hg. Cancik, H. und Schneider, H. Stuttgart, Weimar
  3. Schelling, F. W. J. (1986) Philosophie der Mythologie – Nachdr. – Bd. 2. – Unveränd. reprograf. Nachdr. d. aus d. handschriftl. Nachlaß hrsg. Ausgabe von 1857. Darmstadt.
  4. Schelling, F. W. J. (1990) Philosophie der Offenbarung – Nachdr. – Bd. 1. – Unveränd. reprograf. Nachdr. d. aus d. handschriftl. Nachlass hrsg. Ausgabe von 1857. Darmstadt.
  5. Schmidt, Jochen und Ute Schmidt-Berger (2008) Mythos Dionysos. Texte von Homer bis Thomas Mann. Stuttgart.
  6. Spura, Martin (2009) Das verweigerte Opfer des Prometheus. Der Ariadnefaden der abendländischen Geistesentwicklung. Würzburg.
  7. Steiner, Rudolf (GA 13) Die Geheimwissenschaft im Umriss. Dornach 1977
  8. Steiner, Rudolf (GA 129) Weltenwunder, Seelenprüfungen und Geistesoffenbarungen. Ein Zyklus von 10 Vorträgen gehalten in München 1911. Dornach 1995
  9. Steiner, Rudolf (GA 211) Das Sonnenmysterium und das Mysterium von Tod und Auferstehung. Zwölf Vortrag in verschiedenen Städten 1922. Dornach 1963
  10. Steiner, R.; Steiner, M.; Froböse, E.; Froböse, E. (GA 277a) Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie. Dornach 1965
  11. Steiner, Rudolf (GA 279) Eurythmie als sichtbare Sprache. Laut-Eurythmie-Kurs. Vortragskurs Dornach 1924. Dornach 1990
  12. Steiner, Rudolf (GA 315) Heileurythmie. Acht Vorträge Dornach und Stuttgart 1921/22. Dornach 1966
  13. Urielli, Baruch Luke (1986) Wein und Brot. Eine Betrachtung zu ihrer Entwicklungsgeschichte in Die Christengemeinschaft. Monatsschrift zur religiösen Erneuerung. Ausgabe 7/1986

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Dietmar Ziegler (2017)
Der lange Weg des Dionysos und die Eurythmie. Das Eurythmiestudium als Abbild der Menschheitsentwicklung, [online] abrufbar über:

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